Bezoarziegen – Nachwuchs in der Wilhelma in Stuttgart

Foto: Wilhelma / Hörner

Seit Kurzem erobern zwei Zicklein das Gehege der Bezoarziegen. Trittsicherheit ist bei den wilden Stammeltern unser Hausziegen angeboren – und so tollen auch die beiden Jüngsten bereits übermütig über Stock und Stein. Und wenn die Elterntiere einmal im Weg liegen, werden auch sie als willkommenes Hindernis gesehen, das es zu überwinden gilt.
Die beiden Zicklein sind echte Seltenheiten. Waren Bezoarziegen früher im westlichen Asien weit verbreitet, gibt es heute nur noch kleine Restbestände von ihnen. Einer davon hat sich glücklicherweise auf Kreta erhalten. Von dort stammen auch die Bezoarziegen der Wilhelma. Das Besondere an diesen Tieren ist, dass sie heute vermutlich die einzigen Wildziegen sind, die sich noch nicht mit verwilderten Hausziegen vermischt haben.
Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Bezoarziegen auf Kreta weit verbreitet. Doch vor allem wegen ihres begehrten Fleisches und der attraktiven Hörner wurden die Tiere stark verfolgt. Daneben ist aber auch ein Aberglaube schuld daran, dass die Bezoarziegen in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet so selten geworden sind. In den Mägen der Wildziegen bilden sich nämlich mit der Zeit unverdauliche Ballen aus verfilzten Haaren, die durch Abschlecken aufgenommen und mit der Zeit steinhart werden. Diese so genannten Bezoare – denen die Wildziegen nicht nur ihre Seltenheit sondern auch ihren Namen verdanken – galten schon im Mittelalter als Wunderheilmittel, vor allem gegen Vergiftungen.
Die scheuen, kretischen Bezoarziegen, deren Bestand auf ungefähr 1000 Tiere geschätzt wird, bekommt heute kaum noch jemand zu Gesicht. Sie haben sich in die unzugänglichen Höhenlagen der Gebirge zurückgezogen, wo sie mit schwindelerregender Leichtigkeit auch die steilsten Hänge erklimmen. In den Bergwäldern suchen die bergtüchtigen Paarhufer Schutz und Nahrung, die vor allem aus Gräsern, Kräutern und frischen Trieben besteht. Zur Paarungszeit messen die bis zu 70 Kilogramm schweren Männchen mit ihren mächtigen Hörnern, ähnlich wie Steinböcke, in Rivalenkämpfen ihre Stärke. Denn nur die stärksten Böcke dürfen sich mit den Weibchen paaren. Sonst streifen Männer- und Mutter-Kindgruppen von bis zu 25 Tieren meist getrennt durchs Gebirge. Im Mai kommen die Jungen zur Welt. Drei Tage liegen sie in versteckten Felsnischen, dann folgen sie den Müttern über Stock und Stein. Rund sechs Monate werden sie gesäugt, bis zu zwölf Monate bleiben sie bei den Müttern.
Die beiden in der Wilhelma geborenen Zicklein werden später in anderen Zoos zum Arterhalt beitragen, denn die Bestände der Bezoarziegen schrumpfen weiter: wegen des Holzeinschlags in ihren Lebensräumen und der mittlerweile riesigen Konkurrenz durch ihre eigenen Nachfahren, die Hausziegen.

Quelle: PM Wilhelma Stuttgart