Die größte Tragödie im Leben der Wuppertaler Schimpansen ist nicht der Zoo

Schimpansin Kitoto - Foto: Zoo Wuppertal

Schimpansin Kitoto – Foto: Zoo Wuppertal

Es gibt viele Berichte und Meldungen über die beiden Schimpansen Epulu und Kitoto, die im Zoo Wuppertal leben. Positive und negative Gutachten zur Haltung des Pärchens wurden erstellt, sowie Diagnosen über die Gefühlswelt der beiden Tiere gemutmaßt. Aber warum Epulu und Kitoto ihr Leben im Zoo Wuppertal verbringen und wie ihnen ihr eigenes Leben mitgespielt hat bliebt meist außer acht.

Unbestreitbar ist, dass moderne Gehegehaltung für Schimpansen anders aussehen sollte. Zudem ist unstrittig, dass Schimpansen im Allgemeinen immer in einer Gruppe gehalten werden sollten, da die Menschenaffen soziale Bedürfnisse haben, die gestillt werden müssen. Das trifft allerdings nur auf Schimpansen zu, die das Bedürfnis haben ihre Zeit mit einer Gruppe von Artgenossen zu verbringen, oder in der Lage sind mit diesen zurecht zu kommen.

Um sich allerdings ein Urteil bilden zu können, sollte man sich zunächst mit den Hintergründen beschäftigen. Epulus Geburt am 23.Juli 1968 kam zum ungünstigsten Zeitpunkt, denn damals wurde entschieden, dass der damals im Wuppertaler Zoo lebende Schimpansengruppe die Freiheit geschenkt werden sollte.
Prof. Bernhard Grzimek, damaliger Direktor des Frankfurter Zoos hat mit einem Projekt begonnen, das Schimpansen, die unter schlechten Bedingungen gehalten wurden, die Möglichkeit geben sollte, in Freiheit zu leben. Auf der Insel Rubondo, im zu Tansania gehörenden Teil des Victoriasees, wurden Schimpansen wieder in Freiheit entlassen, die in europäischen Zoos nicht artgerecht gehalten werden konnten, illegal gefangen worden waren oder durch das Erwachsenwerden keinen Platz in Shows fanden. Das Projekt, welches von 1966-1969 durchgeführt wurde, kann durchaus als Erfolg gewertet werden, da noch heute eine stabile Gruppe aus überlebenden, ausgewilderten Tieren und deren Nachwuchs auf der Insel lebt.

Epulu im Jahre 1968 - Foto: Zoo Wuppertal

Epulu im Jahre 1968 – Foto: Zoo Wuppertal

Leider konnte Epulu damals die Reise nach Afrika nicht antreten, seine Mutter hatte keine Milch für den Kleinen und er musste ihr weggenommen werden um mit der Flasche in Deutschland aufgezogen zu werden, während seine Familie für immer wegzog. Die damals übliche Methode war, die kleinen Menschenaffen im Haushalt wie ein menschliches Kind aufzuziehen. Eine Praxis, die heute zu Recht undenkbar wäre, 1968 aber als beste Möglichkeit angesehen wurde. Über dieses Verfahren im Jahre 2014 ein Urteil zu fällen ist sehr einfach, man sollte jedoch immer bedenken, was vielleicht 2060 über die heutigen Methoden gedacht wird. Epulu wuchs also in der Phase seiner frühen Kindheit in keinster Weise wie ein Schimpanse auf. Im Gegenteil, zur Zeit seiner sozialen Prägung war die einzige Spezies mit der er Umgang hatte der Mensch und der Lebensraum den er seit frühester Kindheit kannte war keine Wiese oder Urwaldboden, sondern das Parkett und die Fließen der Wohnung des Zoodirektors. Natürlich hat ein Schimpanse, der unter solchen Umständen aufwächst Probleme in eine soziale Gruppe von Artgenossen integriert zu werden, er kennt weder die Körpersprache, noch die Gestik und Mimik seiner Verwandten. Besonders Männchen müssen sich ihren Rang in der Gruppe erarbeiten, das ist allerdings nur möglich, wenn man das bereits als kleiner Schimpanse bei erwachsenen Artgenossen beobachtet hat.

Auch die Geschichte des Weibchens Kitoto ist komplexer, als sie auf den ersten Blick wirkt. Sie wurde am 12. Januar 1986 im Allwetterzoo Münster geboren und war lange Zeit in die dortige Gruppe gut integriert. Sie bekam sogar Nachwuchs und zog diesen groß. Plötzlich änderte sich allerdings das Gruppengefüge und Kitoto wurde von der Gruppe attackiert und nicht mehr geduldet. Alle Versuche, wie etwa Hormonbehandlungen oder eine Kastration blieben ohne Ergebnis, so dass Kitoto die Gruppe 2006 verlassen musste. Eine zwanzigjährige Schimpansendame in eine fremde, bestehende Gruppe zu integrieren ist allerdings nicht einfach und kann durchaus sehr viel Stress und auch Verletzungen für den Menschenaffen bedeuten. Also entschied man sich, Kitoto sozusagen vorübergehend „Asyl“ im Zoo Wuppertal zu gewähren. Doch dieses „Asyl“ ist auch an Bedingungen geknüpft, denn sollte das Weibchen, das Männchen Epulu überleben, geht die Verantwortlichkeit für die Schimpansin wieder an den Münsteraner Zoo über, der dann versuchen wird Kitoto in ihre alte Gruppe zu reintegrieren.

Letztlich bleibt zu erwähnen, dass der „Betonbunker“ den das Paar zur Zeit bewohnt aus dem Jahr 1978 stammt und vor 36 Jahren jeden Standard einer modernen und artgerechten Haltung für Menschenaffen erfüllte. Außengehege wurden zu dieser Zeit kaum gebaut, da diese einen Parasitenbefall bei den Schimpansen gefördert hätte und damals die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten für diesen Fall noch nicht ausreichend waren.

Es wäre also durchaus möglich, dass sich Epulu auch in einer artgerechten Umgebung unsicher fühlen würde. Außerdem ist es denkbar, dass er die propagandierte Einsamkeit und Verzweiflung auch in einer Gruppe von Artgenossen fühlen könnte, da seine Sehnsucht einem menschlichen Gefährten gilt. Desweiteren ist der viel beklagte „Betonbunker“ für den betagten Affenmann seit sehr langer Zeit seine vertraute Heimat, die zu verlassen bestimmt mit unkalkulierbarem Stress verbunden wäre. Über ältere Menschen sagt man: „Eine alte Eiche entwurzelt man nicht…“, sollte diese Weisheit bei unseren nächsten Verwandten keine Gültigkeit haben?
In Bezug auf die Möglichkeit der Nutzung einer Außenanlage sollte man sich einmal das Schicksal einer Gruppe Schimpansen vor Augen halten, die ihr ganzes Leben in einem Tierversuchslabor verbracht haben und nun auf auf einem Gnadenhof ihren Lebensabend verbringen dürfen. Als den schwer traumatisierten, ehemaligen Laboraffen eine Außenanlage zur Verfügung gestellt wurde, nahmen nicht alle Tiere das Angebot sofort an, bei manchen dauerte es sehr lange, ehe sie sich in die „Fremde Welt“ trauten, die einigen trotz allem heute noch fremd ist.
Im Bezug auf Kitoto, könnte wäre es durchaus denkbar, dass der Zoo Wuppertal der Zoo mit den besten Haltungsbedingungen war, welcher der ausgestoßenen, betagten Schimpansin eine Heimat bieten wollte. Glaubt man das nicht, müsste man ja annehmen, dass EAZA (Vereinigung europäischer Zoos und Aquarien) oder WAZA (Weltweite Vereinigung von Zoos und Aquarien) tatenlos dabei zusahen, als man sich in Wuppertal eine Schimpansin „krallte“, die eigentlich in bessere Haltungsbedingungen hätte kommen können.

An dieser Stelle sei noch einmal betont, dass die derzeitigen Haltungsbedingungen im Zoo Wuppertal für die Schimpansen, zwar den gesetzlichen Bedingungen entsprechen, aber nicht mehr zeitgemäß sind und dass unter diesen Umständen keine weiteren Schimpansen mehr gehalten werden sollten. Doch man sollte auch anerkennen, dass der Zoo Wuppertal zwei Tieren wenigstens ein Zuhause bietet, die zur Zeit niemand haben möchte und mit kleineren Verbesserungen, wie z.B. der künftigen Teilzeitnutzung der im Bau befindlichen Bonobo-Außenanlage, versucht, die Lebensqualität zumindest ein bisschen zu erhöhen. Denn bei allen guten Absichten, der Tierschutzorganisationen, ist ein Zoo auch ein Wirtschaftsbetrieb und wenn man nun viel Geld für ein Schimpansen-Freigehege, eine neue Anlage oder ähnliches ausgeben würde, Epulu und Kitoto aber nach kurzer Zeit nicht mehr gehalten würden und eine teuere Anlage für Schimpansen lehr stünde, kämen bestimmt wieder Beschwerden, weil das Geld für andere Projekte fehlte. Zudem stellt sich die Frage, wenn es so einfach wäre die beiden Tiere abzugeben, wieso tut sich der Wuppertaler Zoo dann die zermürbenden Streitigkeiten an?

Als Fazit bleibt also, dass die Schimpansenhaltung im Zoo Wuppertal keinesfalls fort geführt werden sollte, es aber im Moment zumindest eine Alternative für Epulu und Kitoto darstellt. Zudem ist es durchaus lobenswert, wenn Menschen sich Sorgen um die Lebensumstände von zwei Schimpansen machen. Doch man sollte sich immer vor Augen halten: Die größte Tragödie im Leben der beiden Schimpansen ist ihnen in ihrer Vergangenheit widerfahren und das „Heute“ ist nur eine traurige Folge daraus. Leider musste man schon oft erkennen, dass Sünden der Vergangenheit meist in der Gegenwart nicht wieder gut zu machen sind, egal wie sehr man sie gerne rückgängig gemacht hätte…

M.Schmid/zoogast.de