Die Okapi-Waise Nyota in der Wilhelma ist über den Berg

Einmal pro Woche kontrollieren die Pfleger mithilfe einer flachen, gut begehbaren Großtierwaage, ob und wie viel Nyota zu- oder abnimmt. Da Nyota Menschenhände gewöhnt ist, macht sie die Prozedur anstandslos mit. – Foto: Wilhelma

Das im Juni 2012 geborene Okapi-Kalb Nyota hatte einen schweren Start – nur 16 Tage nach
seiner Geburt war seine Mutter Kabinda gestorben. Glück im Unglück: Die Kuh Ibina sprang
als Amme ein, zusätzlich erhielt Nyota Milchnahrung aus der Flasche. Der in einem Zoo bis
dahin einmalige Versuch gelang. Inzwischen wiegt Nyota 108,4 Kilogramm – wie eine neue
Großtierwaage aufs Gramm genau belegte – und ist somit aus dem Gröbsten heraus.
„Wenn Nyota ein Jahr alt ist, feiern wir eine Party“, erklärt der Revierleiter für Afrikanische Huftiere,
Daniel Wenning. Einen Grund zu feiern gibt es dann in der Tat. Denn erstens ist die Geschichte
Nyotas bislang einmalig. Zweitens haben das Pflegerteam, die Kuratorin und die Wilhelma-Tierärzte
viel Arbeit in das Überlebensprogramm des wertvollen Jungtiers investiert – und sogar externe
Experten einbezogen. Zum Beispiel in Sachen Spezialmilch. Um eine solche zu entwickeln, hat das
Chemische Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) zunächst die Zusammensetzung der letzten
Muttermilch von Kabinda sowie die der Amme Ibina ermittelt. Die Milupa-Forschungsabteilung
ertüftelte auf dieser Basis ein individuelles Ersatzmilchrezept. Und die Pfleger servierten das
nahrhafte Ergebnis Nyota mehrmals täglich aus der Flasche. Damit sollte die Amme Ibina entlastet
werden – schließlich hatte diese direkt vor der „Adoption“ bereits ein eigenes Kalb aufgezogen.
Zusätzlich klügelten die Tierärzte gemeinsam mit einer Ernährungsberaterin der Uni Hohenheim für
Ibina einen Speiseplan aus, der sie bei Kräften halten sollte. Das Zusammenspiel gelang, Nyota
wuchs und gedieh. Zwei Monate nach der Geburt dann ein weiteres gutes Zeichen: Nyota hatte Kot
abgesetzt – zum ersten Mal! Diese erstaunlich späte Produktion von Hinterlassenschaften in einem
Alter zwischen 26 und 74 Tagen ist für Okapi-Kälber normal, allerdings nur von diesen bekannt und
selbst der Wissenschaft noch ein Rätsel. Die Vorteile für in der Wildnis geborene Okapis allerdings
liegen auf der Hand: Ohne Ausscheidungen gibt es auch weniger Gerüche, die Fressfeinde anlocken.
Bei Nyota hat das ausgeklügelte Ernährungsprogramm, das ab dem dritten Monat durch feste
Nahrung wie Luzerne, Gemüse und Blätter ergänzt wurde, jedenfalls gut angeschlagen. Sehr gut
sogar: „Für ihr Alter ist Nyota mit über 100 Kilo ganz schön kräftig. Aber ein paar Reserven schaden in
der Winterkälte ja nichts“, erklärt Daniel Wenning. Denn Kälte vertragen Okapis, die aus den
tropischen Wäldern Zentralafrikas stammen, nicht besonders. Bei Frost sind die Tiere daher meist im
beheizten Giraffenhaus anzutreffen, wo sie jedoch aus größerer Nähe zu sehen sind als im
Freigehege. Auch Nyota hat hier jetzt eine eigene Schaubox, wo die Besucher sie in Ruhe betrachten
können. Und das lohnt sich, denn Nyota ist „ein Bild von einem Okapi“, da sind sich Pfleger und
Zoologen einig. Auch werde es langsam Zeit, dass Nyota sich abnabelt und wie ein „normales“ Okapi
behandelt wird, so Wenning. Von der Milchflasche habe sie sich quasi selbst schon entwöhnt, und
auch bei Ibina werde sie wohl nicht mehr lange nuckeln, zumal kaum mehr Milch fließen dürfte.
Außerdem hat sich Nyotas Lebensretterin eine Babypause nun redlich verdient. Wenn weiterhin alles
gut geht und das Europäische Erhaltungszuchtprogramm zustimmt, darf Nyota in der Wilhelma
bleiben. Dann kann sie in rund drei Jahren mit Vitu, dem zweiten Bullen neben Nyotas Vater Xano,
selbst zur Erhaltung ihrer bedrohten Art beitragen.

Quelle: PM Wilhelma