Gänsegeier der Wilhelma kreisen bald über dem Balkan

Foto: Wilhelma

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Sieht man Geier kreisen, kann das ein erhebendes Gefühl sein. So selten ist dieser Anblick geworden. Mit einer Spannweite von 2,80 Metern größer als Seeadler, segeln diese stattlichen Vögel in Gruppen scheinbar mühelos stundenlang im Aufwind über dem Rhodopen-Gebirge in Bulgarien. Unter ihnen könnte nun auch ein Gänsegeier aus der Wilhelma in Stuttgart sein. „Eine Gänsehaut habe ich bekommen, die Tiere in freier Wildbahn fliegen zu sehen“, sagt Sascha Royla, Revierleiter bei den Greifvögeln. „Das war eine eindrucksvolle Bestätigung, dass wir mit der Geierzucht etwas Gutes tun.“ Er ist jetzt vom Balkan zurückgekehrt. Mit seinem Tierpfleger-Kollegen Pascal Herzog hat er für das Auswilderungsprojekt drei junge Gänsegeier der Wilhelma in das Wildlife Rescue Centre in Stara Zagora gebracht, etwa 100 Kilometer östlich von Plowdiw, der zweitgrößten Stadt Bulgariens. Bei seinem Reisebericht läuft Royla noch ein Schauer über den Rücken. Denn die Gänsegeier galten dort bereits als verloren, vor etwa 60 Jahren ausgerottet.

Viehzüchter hatten gegen Wölfe, die ihre Herden heimsuchten, Giftköder ausgelegt. Die Geier als Aasfresser waren eigentlich keine Bedrohung, doch starben auch sie, weil sie die Köder oder die Kadaver der vergifteten Wölfe fraßen. 2010 begann das von der Europäischen Union geförderte Projekt „Green Balkans“, Nachzuchten in der Natur wiederanzusiedeln. 2014 hat die Wilhelma das erste Mal drei Jungvögel an das Projekt abgegeben. Einer davon konnte inzwischen freigelassen werden. Die beiden anderen lernen noch in einer Großvoliere von Artgenossen „das wilde Leben“.

Nach ihrer Ankunft kamen die neuen Wilhelma-Geier in eine Voliere, die teilweise mit blickdichtem Tuch verhängt ist. Die Tierpfleger schauen nur durch Gucklöcher hinein, verhalten sich still und geben das Futter lediglich durch eine Klappe. „Die Geier aus einem Zoo müssen zunächst von den Menschen entwöhnt werden“, erläutert Günther Schleussner, der Vogel-Kurator der Wilhelma. Die zweite Station wird für die Neuankömmlinge die Großvoliere mit derzeit 22 Jungtieren aus anderen Aufzuchtstationen sein. „Entwickeln sie sich gut und sind fit im Umgang unter Geiern, dürfen sie im nächsten Schritt ins Freie, bekommen aber noch in der Nähe der Voliere Futter hingelegt“, sagt der Biologe. „Mit der Zeit werden sie immer unabhängiger. Bis sie mit fünf oder sechs Jahren geschlechtsreif werden, machen sie weite Flüge entlang der gebirgigen Höhenzüge, die den bis zu elf Kilo schweren Vögeln genug Thermik zum Segeln bieten.“ Von Bulgarien können sie so zum Beispiel bis in die Pyrenäen gelangen. Zur Brut kehren die standorttreuen Tiere aber meist zu ihrem Ursprung zurück: nicht in die Wilhelma, sondern an den Ort, an dem sie behutsam heimisch gemacht und freigelassen wurden. Geführt von bulgarischen Rangern konnten sich die Wilhelma-Mitarbeiter überzeugen, dass die Wiederansiedlung gelingt. „Im Balkangebirge haben wir an drei Nestern Brutpaare beobachten können, die gerade Nachwuchs aufziehen“, berichtet Royla. In der Wilhelma leben jetzt neun Geier, darunter drei Brutpaare. Die fruchtbare Kooperation geht weiter.

Quelle: PM Wilhelma