Gänse in der Wilhelma

Foto: Wilhelma

Eines sei vorweg klargestellt: Anders als viele ihrer Verwandten unter den Hausgänsen überstehen die Wilhelma-Gänse den Martinstag am 11. November jedes Jahr unbeschadet. Doch bietet vielleicht gerade dieser traditionelle Gedenktag eine gute Gelegenheit, um zwei in der Wilhelma gezeigte Arten, die Rothals- und die Hawaiigans, einmal näher vorzustellen. Denn erstens wird diesen Tieren im Vergleich zu Eisbär, Affe und Co. ohnehin zu wenig Aufmerksamkeit zuteil. Und zweitens ist ihr Überleben durch ganz andere Umstände als Martinstage stark bedroht, die Hawaiigans gilt sogar als eine der seltensten Gänse der Welt.

Schon rein äußerlich haben Rothals- und Hawaiigänse nicht viel mit den grauen oder weißen Haus- und „Martinsgänsen“ gemeinsam. Rothalsgänse gehören mit ihrem charakteristischen rotbraunen Brust- und Halsgefieder zweifelsfrei zu den schönsten Gänsen. Daneben sind ihre bräunlich und grau gefärbten Verwandten aus Hawaii zwar viel unauffälligere, aber trotzdem nicht weniger elegante Erscheinungen. Beide Arten teilen sich in der Wilhelma derzeit mit den Kranichen ein Gehege, zeitweise sind sie auch in der begehbaren Freifluganlage zu finden. Rothals- wie Hawaiigans gehören zu den so genannten Meergänsen und sind etwa gleich groß – mit einem Gewicht von eineinhalb bis zwei Kilogramm zählen sie zu den kleineren Gänsearten. Eine weitere Gemeinsamkeit: Männchen und Weibchen sehen fast gleich aus, und haben sie sich gefunden, bleiben sie sich ein Leben lang treu. Was jedoch den Lebensraum angeht, könnten die zwei Gänsearten unterschiedlicher nicht sein.

Während Rothalsgänse im arktischen Sibirien brüten und weite Strecken zwischen Brut- und Überwinterungsgebiet zurücklegen, leben Hawaiigänse ganzjährig im tropischen Klima Hawaiis, vor allem in Bergregionen von 1500 bis 2500 Metern über dem Meeresspiegel. Ganz gänseuntypisch sind sie nicht an Wasser gebunden. In ihren Lebensräumen regnet es zwar recht viel, aber stehende oder fließende Gewässer sind Mangelware. Ihren Wasserbedarf decken sie über ihre Nahrung, die wie bei allen Meergänsen rein vegetarisch ist und aus Gräsern und Grünpflanzen besteht. Leider steht die Hawaiigans selbst auf der Speisekarte der vielen Hunde, Katzen und Ratten, die von den Menschen auf den Inseln eingeschleppt wurden. Weil überdies ihr Lebensraum schrumpft, war die Hawaiigans Mitte des 20. Jahrhunderts so gut wie ausgestorben. Nur 30 Tiere überlebten. Durch Nachzucht, unter anderem in Zoos, und Auswilderung stieg ihr Bestand auf heute wieder rund 2000 Tiere an.
Von der Rothalsgans gibt es zwar immerhin noch etwa 40.000 Vertreter, aber auch sie gehört zu den bedrohten Arten. Diese Gänse überwintern vorwiegend in einem sehr kleinen Gebiet an der Westküste des Schwarzen Meeres. Tagsüber durchstreifen sie Wiesen und Felder nach Nahrung. Sobald es dunkel wird, suchen sie zum Schlafen sichere Gewässer auf. Dann färben Tausende Gänse den Himmel dunkel. Vor allem die Zerstörung ihrer Lebensräume, aber auch die illegale Jagd in den begrenzten Überwinterungsgebieten sind schuld, dass auch die Zahl der Rothalsgänse seit Jahren stetig sinkt.

Quelle: PM Wilhelma, Stuttgart