Gänsegeier-Nachwuchs in der Wilhelma

Foto: Wilhelma

Eigentlich sollten die beiden 2011 in Stuttgart geborenen Gänsegeier schon in Bulgarien sein, wo auf sie ein wildes Leben in den Bergen des Balkan wartet. So zumindest war es geplant und so wurde es letztes Jahr verkündet. Doch Wintereinbruch und Schneemassen hatten die Reise vereitelt: „Buli“ und „Gari“, wie die Pfleger sie tauften, sind daher noch in der Wilhelma – und haben jetzt zwei Geschwister bekommen: „Rila“ und „Pirin“. Somit können im Herbst, beim zweiten Anlauf in Richtung Balkan, nun gleich vier Junggeier teilnehmen.
„Geierküken-Watching“ in der Wilhelma ist nicht leicht: Gut versteckt und anfangs oft bewegungslos, liegen die Küken in ihrem Horst. Zumindest in eine der beiden Geierkinderstuben können die Besucher jedoch vom Weg oberhalb der Voliere aus hinein spähen. Wie verschieden die Geschmäcker in Sachen Wohnraumgestaltung doch sein können! Unsereiner jedenfalls findet die chaotischen Häufen aus Federn und Ästen, kurz Geierhorst genannt, wohl ziemlich ungepflegt. Mag sein. Dafür sind die Gänsegeier Profis in Sachen Landschaftspflege: Wie alle Geierarten ernähren sie sich von toten Tieren, reinigen Berg und Tal von Aas und übernehmen im Ökosystem somit die wichtige Rolle einer Gesundheitspolizei – Seuchenhygiene auf natürliche Art, sozusagen. Doch die Menschen dankten den Geiern ihre Dienste schlecht. Mangels besserem Wissen stellten sie ihnen als mutmaßlichen Nahrungskonkurrenten nach oder hungerten sie aus, indem sie totes Vieh – später dem Seuchenschutzgesetz gehorchend – selbst beseitigten, etwa auf der Schwäbischen Alb. Zwar hat der IUCN (International Union for Conservation of Nature) den Gänsegeier weltweit noch nicht als gefährdet eingestuft. Zumindest in Europa aber geht es dem großen Vogel mehr schlecht als recht. Selbst in Spanien, wo die meisten Geierpaare brüten, schrumpfen die Bestände enorm, seit eine EU-Verordnung europaweit verbietet, Kadaver für die Geier liegen zu lassen. Oft irren die Vögel auf der Suche nach Nahrungsgründen dann umher – und landen mitunter sogar einen Treffer: So hat es einige Gänsegeier auf die Insel Mallorca verschlagen, wo auch die noch größeren Mönchsgeier zu Hause sind, und brüten hier nun im Tramuntana-Gebirge.
Auf dem Balkan waren die Gänsegeier bis vor 50 Jahren heimisch. Als man hier jedoch vergiftete Köder für Wölfe auslegte, ging es auch den Geiern an den Kragen. Mittlerweile ist die Organisation „Balkan Vulture Action Plan“ dabei, das Balkanmassiv als Heimat für die Geier wiederzubeleben. 2010 ließ sie die ersten 26 Vögel frei, weitere folgten. Dieses Frühjahr kommen 25 Gänsegeier aus Frankreich dazu und, wenn alles klappt, im Herbst auch vier „junge Wilde“ aus Stuttgart.
Bis dahin hat das Elternpaar aber noch alle Schnäbel voll zu tun, um den gemeinsam ausgebrüteten Nachwuchs im Teamwork aufzupäppeln: anfangs mit vorverdautem Speisebrei aus eigenem Kropf, später mit ganzen Fleischbrocken. Ab etwa August verlassen die Jungen den Horst, im Herbst sind sie völlig selbstständig – und bereit für ihren großen Ausflug auf den Balkan.
Quelle: Wilhelma Stuttgart