Glück im Unglück bei den seltenen Waldgiraffen in der Wilhelma

Foto: Wilhelma Stuttgart

Nur 16 Tage nach der Geburt eines weiblichen Okapi-Kalbs ist in der Wilhelma dessen Mutter Kabinda überraschend gestorben – ein großer Verlust, der obendrein zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kam: Auch das Leben des Nachwuchses war nun bedroht. Doch das Kalb und die Wilhelma hatten Glück im Unglück: Eine der beiden anderen Okapi-Kühe der Wilhelma, Ibina, hat das verwaiste Okapi-Mädchen anstandslos adoptiert.
Zunächst war die Freude groß über den Nachwuchs in der florierenden Okapi-Zuchtgruppe – zumal bei so seltenen Arten wie den Waldgiraffen weibliche Tiere für die Arterhaltung besonders wertvoll sind. Und so wurde das am 7. Juni geborene Kalb „Nyota“ getauft – afrikanisch für “Stern“. Doch die Freude währte nur 16 Tage, dann fanden die Pfleger Okapi-Mutter Kabinda tot in ihrer Box: Sie war einem chronischen Nierenleiden erlegen. Erste Versuche, das neue Sternchen am Okapi-Himmel mit der Flasche aufzupäppeln, scheiterten – schließlich wusste dieses schon genau, wie ein mütterliches Euter auszusehen hat. Als letzte Hoffnung blieben nur die Kuh Ibina und ihr halbjähriger Sohn Obasi, der bereits groß und kräftig genug war, um eine vorzeitige Entwöhnung von der Muttermilch zu verkraften. Aber würde Ibina die Rolle als Leihmutter und Amme spielen? Sie tat es: Ohne Umschweife nahm sie das fremde Kalb an, säugte es und leckt und pflegt es seither wie ihr eigenes. „In der Natur kommt dies bei Okapis höchstwahrscheinlich nie vor, denn dort führen Waldgiraffen ein Dasein als Einzelgänger und begegnen sich kaum“, erklärt Zoologin Dr. Ulrike Rademacher. „Auch in Zoos gab es so eine Adoption bei Okapis bislang nicht. Bei Steppengiraffen im Zoo dagegen lässt sich öfter beobachten, dass manche Kühe fremde, manchmal auch mehrere Kälber trinken lassen.“
„Ohne Ibina wären wir aufgeschmissen gewesen“, lobt Pfleger Matthias Bernd die elfjährige Okapi-Kuh. Das Pflegerteam im Giraffenhaus ist heilfroh, dass Ibinas Milchfluss bislang ausreicht, um Nyota satt zu kriegen – und zwar mit bester Original-Okapimilch. Als Entlastung für die Amme und als Training für den Notfall, dass die Quelle doch noch vorzeitig versiegt, füttern die Pfleger inzwischen vier Mal am Tag 200 Milliliter Kuhmilch aus der Flasche zu. Dank sanfter Überredungskunst akzeptiert Nyota mittlerweile auch den künstlichen Sauger aus Menschenhand – was ihre Überlebenschancen zusätzlich steigert. Und Obasi, der ersatzweise noch etwas Milchpulver unters Obstfutter erhält, hat sich bereits recht gut damit abgefunden, dass er früher selbstständig werden musste.
Bei den Okapis zählt jedes Tier, die Zukunft der Art steht in ihrer Heimat Zentralafrika auf der Kippe. Den Gesamtbestand von max. 20.000 bis 30.000 Tieren und ihren Lebensraum zu erhalten, ist daher Ziel eines Okapi-Projekts, das von vielen Zoos inklusive der Wilhelma unterstützt wird. Doch die politische Wirren sorgen für schwere Rückschläge: Kürzlich wurde die kongolesische Okapistation Epulu überfallen und zerstört, sechs Menschen und 13 Okapis starben. In Tierparks sind Waldgiraffen selten zu finden: In Europa leben derzeit 56 Okapis, davon sieben in Stuttgart: Epena und Ibina, ihre Söhne Kivu und Obasi, Nyota und die Bullen Xano und Vitu. Seit 1998 kamen hier zehn Okapis zur Welt, darunter vier Weibchen. Für die Besucher zu sehen ist das jüngste Kalb, Nyota, bisher kaum – wie alle Okapi-Kälber verbringt es die ersten Lebenswochen meist zurückgezogen in einem Versteck.

Quelle: PM Wilhelma