Schneeleoparden Okara und Orya verlassen bald den Zoo Zürich

Foto: Zoo Zürich/Peter Bolliger

Foto: Zoo Zürich/Peter Bolliger

Bald sind sie 1½-jährig, die beiden 2014 geborenen Schneeleoparden Okara und Orya. Damit rückt die Zeit näher, Abschied zu nehmen von Zürich und «auszufliegen». Schneeleoparden kommen als Nesthocker zur Welt. Sie sind anfänglich recht hilflos, noch blind und taub. In einem Versteck verbringen sie ihre ersten Lebenswochen; dort werden sie von ihrer Mutter, die auf die Jagd gehen muss, zurückgelassen. Mit zunehmender Mobilität können die Jungen ihrer Mutter folgen und sie zu den geschlagenen Beutetieren begleiten. Es folgt dann eine Lehrzeit: Die Jagd im Hochgebirge ist sehr anspruchsvoll, nur mit Übung kommt man zum Erfolg, und dieser Erfolg ist überlebenswichtig. Etwa 1½ Jahre bleiben die Jungtiere bei der Mutter – in dieser Zeit können sie sich noch auf die Jagderfahrung der Mutter abstützen.

Okara und Orya, zwei Weibchen, wurden am 3. Mai letzten Jahres geboren. Zur Geburtszeit und weiter bis heute war der Vater der Jungtiere stets mit in der Anlage. Schneeleoparden sind wohl meist als Einzelgänger unterwegs, können aber auch sozial sehr verträglich sein.

Die beiden Schwestern haben unterschiedliche Temperamente. Okara ist eher etwas scheu und zurückhaltend (als junges Kätzchen war das noch anders), während Orya forscher und mutiger auftritt. Um die beiden Katzen so gut wie möglich auf den bevorstehenden Transport vorzubereiten, findet seit etwa zwei Monaten ein Kistentraining statt. Damit sollen die Tiere an die Transportkiste gewöhnt und auch mit der Situation vertraut gemacht werden, dass die Kiste geschlossen wird. Orya erkundete als erste die im Stall angedockte Kiste.

Ihr weiterer Weg führt die beiden Schwestern in verschiedene Richtungen. Okara wechselt in den Zoo Plock in Polen. Plock hat 1997 mit der Haltung von Schneeleoparden begonnen, hatte die letzten Jahre aber keine Tiere mehr. Noch weiter weg führt die Reise für Orya, sie wird sprichwörtlich «ausfliegen». Sie wird das europäische Zuchtprogramm verlassen und in den Milwaukee County Zoo in Wisconsin (USA) gehen. Milwaukee County Zoo hält seit den frühen sechziger Jahren Schneeleoparden und züchtet diese seit 1969 sehr erfolgreich. Aktuell lebt dort aber nur ein älteres Weibchen. Orya soll im Zuchtprogramm des amerikanischen Zooverbands für diese Katze zu einer Blutauffrischung beitragen.

Die Bedeutung von Wildfängen für Zuchtprogramme
Die Mutter der beiden jungen Schneeleoparden, Dshamilja, kam im Frühjahr 2000 sehr wahrscheinlich in Tadschikistan zur Welt. Wilderer fingen sie in einer Falle und erlegten des Felles wegen ihre Mutter. Dshamilja wurde nach Kirgisistan geschmuggelt und in der Hauptstadt auf dem Schwarzmarkt angeboten. Dort wurde sie von der spezialisierten Antiwilderereinheit Bars konfisziert. Sie war in einem geschwächten und verwahrlosten Zustand; von ihrem rechten Hinterfuss fehlte durch den Schlag der Falle etwa ein Drittel. Mit viel diplomatischer Unterstützung kam das Jungtier nach Deutschland in den Wildpark Lüneburger Heide in gute Pflege. Seit 2002 lebt Dshamilja in Zürich.

Innerhalb der europäischen Zoogemeinschaft EAZA gibt es rund 250 koordinierte Zuchtprogramme. Ziel dieser Zuchtprogramme ist es, die in Menschenobhut betreuten Tierpopulationen möglichst langfristig genetisch vielfältig zu erhalten. Damit sollen Voraussetzungen für gesunde Tierbestände und die Möglichkeit geschaffen werden, Tiere aus diesen Beständen bei Bedarf für Auswilderungen einsetzen zu können.

In Menschenobhut betreute Populationen sind in ihrer Grösse beschränkt und ohne Austausch mit anderen Populationen. Mit jeder neuen Generation gehen zwangsläufig genetische Informationen verloren, da die Eltern nur einen Teil ihrer genetischen Information an ihre Nachkommen vererben. Ein angestrebtes Ziel der Zuchtprogramme ist es, über einen Zeitraum von 100 Jahren möglichst 90 Prozent der durch die «Gründer» der Population eingebrachten genetischen Variabilität zu erhalten. Ist die Zahl der Gründertiere – Tiere, die ursprünglich der Wildbahn entnommen wurden – gross, ist dieses Ziel leichter zu erreichen als bei kleinen Populationen.

Die Arbeit der Koordinatoren der Zuchtprogramme wird durch Rechenprogramme unterstützt, die Aussagen machen über die aktuelle genetische Variabilität einer Population, die zur Zielerreichung benötigte Populationsgrösse und den allenfalls benötigten Zugang neuer Gründertiere sowie über geeignete Verpaarungen der einzelnen Individuen. Dshamilja ist als Wildfang ein Gründertier des europäischen Zuchtprogramms. Ihre Tochter Orya wird eines des amerikanischen Zuchtprogramms. Sie hat wertvolle neue genetische Information in die Zoopopulation gebracht. Verschiedene Zuchtprogramme werden zur Sicherung des Bestandes aus genetischen Gründen längerfristig auf weitere Gründertiere angewiesen sein. Die dafür nötige allfällige Entnahme von Tieren aus Wildpopulationen muss dabei von Fall zu Fall sorgfältig abgeklärt werden.

Quelle: PM Zoo Zürich