Tierlexikon: Waldrapp

Waldrappe im Tierpark Hellabrunn 2011 – Foto: M.Schmid/zoogast.de

Allgemein
wissenschaftlicher Name:
Geronticus eremita
Verbreitung kontinental:
Afrika, Asien, Europa
Verbreitung regional:
Algerien, Eritrea, Jordanien, Marokko, Saudi Arabien, Syrien, Jemen, Türkei, Cape Verde, Deutschland, Mali, Mauretanien, Montenegro, Portugal, Serbien, Somalia, Spanien, Western Sahara
Lebensraum:
Gebirge
Gattung:
Rappe
Gefährdung:
Rote Liste der IUCN: vom Aussterben bedroht

Der Waldrapp lebt in Kolonien, die mehrere hundert Vögel umfassen können. Die Gruppe ist für den Waldrapp sehr wichtig, denn er kommt nur in Gesellschaft in Balzlaune.
Beim Waldrapp sind Kopf und Hals federlos. Ansonsten scheint sein Gefieder schlicht schwarz, schillert aber im richtigen Licht grün und purpur metallisch. Charakteristisch für den Waldrapp ist der Kranz aus Federn im Nacken. Sein langer Schnabel wirkt gefährlich, ist aber weder spitz noch sonderlich hart. Männchen und Weibchen sind bei den Waldrappen optisch nicht zu unterscheiden, die Gesichtszeichnung ist allerdings bei jedem Waldrapp individuell. Die nördlicheren Populationen zeigten ein deutliches Zugverhalten, während die südlicheren Kolonien das ganze Jahr ihr Brutgebiet nicht verlassen.
Obwohl der Waldrapp ein Allesfresser ist, ernährt er sich beinahe ausschließlich von tierischer Nahrung. Auf seinem Speisezettel stehen Insekten, Schnecken, kleine Säugetiere, Reptilien und Amphibien, nur ganz selten greift er auf Pflanzen als Nahrungsmittel zurück.
Beim Waldrapp kommen sie Brutpaare erst am Nistplatz, der sich immer in einer Felswand befindet, zusammen, wo sie ein bestimmtes Ritual, das aus Lauten und Kopfbewegungen besteht, aufführen. Hat sich ein Brutpaar gefunden verteidigen sie den Brutplatz sehr aggressiv gegenüber Artgenossen. Während der Brutphase ist die federlosen Hals und Kopf besonders intensiv rot gefärbt. Das Weibchen legt bis zu vier Eier, die etwa einen Monat lang ausgebrütet werden. Nach dem Schlüpfen werden die Jungvögel von allen Tieren der Kolonie knapp zwei Monate lang gefüttert, ehe sie flügge werden.

Die Geschichte des Waldrapps

Bis ins Mittelalter war der Waldrapp noch über beinahe ganz Mittel- und Südeuropa, den Balkan, die Türkei, den Nahen Osten bis nach Nordafrika verbreitet. Heute ist er bis auf wenige kaum allein überlebensfähige Grüppchen ausgerottet. Mit großem Aufwand wird heute versucht wieder eine überlebensfähige Population aufzubauen.

Der Waldrapp in Mitteleuropa
Bis ins 17.Jahrhundert konnte man den Waldrapp in Mitteleuropa finden. Er nistete z.B. im Donautal und im Salzburger Land. Aus dieser Zeit stammen auch die Bezeichnungen Schopfibis, Mähnenibis, Klausrapp, Steinrapp, Klausrabe und Waldhopf. Zu seinem Unglück galten seine Eier als Delikatesse und der Nestraub wurde sozusagen zum Volkssport bei der Bevölkerung. Der Bestand schrumpfte in einem solchen Ausmaß, dass sich selbst der österreichische König Ferdinand 1528 des Waldrapps annahm und ein Gesetz erließ, das Jungvögel und Eier im Nest unter totalen Schutz stellte. Aber auch die königlichen Bemühungen halfen nichts, der Waldrapp starb aus und geriet in Vergessenheit.

Der Waldrapp in der Türkei
Eine besondere Waldrappkolonie existiert in der türkischen Stadt Birecik. Dort brütet eine Gruppe Waldrappe seit sehr langer Zeit auf einem Steilfelsen mitten in der Stadt. Bei einer Zählung im Jahre 1911 lebten dort über 1.000 Vögel. Auch diese Kolonie waren Zugvögel, die im August die Stadt in Richtung Süden. Wenn die Waldrappe dann im Frühling zurück kehrten, wurde in der ganzen Stadt ein Volksfest gefeiert. Nach dem Glauben der Stadtbewohner zogen die Tiere mit den Pilgern nach Mekka, außerdem erzählte man sich, dass ein Waldrapp Noah nach der Sintflut auf trockenes Land führte. In den Jahren 1959/60 gab es allerdings eine Tragödie. In Ihrem Sommerquartier vergiftete sich ein Großteil der Vögel wahrscheinlich unbeabsichtigt an Pestiziden und so verendeten über 600 Waldrapps auf ihrem Weg zurück nach Birecik. Bis in das Jahr 1989 war die Brutkolonie erlöschen. Man hatte jedoch bereits 1977 begonnen ein Zucht aufzubauen und in Gehegen geborene Waldrappe auf dem Felsen brüten zu lassen. Heute sind nur noch Nachkommen der Gehegetiere übrig und auch diese werden im Hebst eingefangen, dass sie nicht mehr in der unsicheren Süden abwandern können.

Der Waldrapp in der Arabischen und Orientalischen Welt
Die alten Ägypter sahen im Waldrapp, den sie Ach nannten, den Lichtbringer und die Verkörperung einer menschlichen Seele. Man glaubte, dass der Mensch nach dem Tod als Waldrapp in den Himmel auffahren und dort zu einem Stern werden würde. Die Popularität des Waldrapps ging soweit, dass ihm eine eigene Hieroglyphe gewidmet wurde. Im 17.Jahrhundert stand er im Orient unter strengem Schutz, da man glaubte, dass das Schillern in seinen Federn Seelen von Verstorbenen wären, die der Vogel davon tragen würde. Im Jahre 1832 entdeckten Forscher eine Gruppe von fremdartigen Vögeln an der Küste des Roten Meeres und als sie Beschreibungen meldeten stellte sich heraus, dass es sich um Waldrappe handelte.
Heute lebt die größte wilde Population, bestehend aus etwa 200 Tieren, in Marokko.

Der Waldrapp in Zoos
Heute leben etwa 1200 Waldrapps in ungefähr 70 Zoos. Ohne die aufwendige Zucht in zoologischen Einrichtungen wäre der Waldrapp heute wohl zum Aussterben verdammt, doch so gibt es Hoffnung. Die heutige Situation ist allerdings mehr als kritisch, zu den professionellen Bemühungen, müssen ideale Umstände und auch eine gewisse Portion Glück kommen, um den Waldrapp wieder erfolgreich und nachhaltig in der Wildnis zu etablieren.

Der Versuch den Waldrapp in Mitteleuropa wieder heimisch zu machen

Durch die Zuchtbemühungen der zoologischen Einrichtungen stehen nun wieder ausreichend Waldrappe zur Verfügung um eine wildlebende Kolonie aufzubauen. Da der Waldrapp in Mitteleuropa ein Zugvogel ist, gestaltet sich ein Auswilderung durchaus sehr schwierig. Denn die Vögel lernen den Weg in die Winterquartiere von den Altvögeln. Da es aber keine Altvögel mehr gibt, die ihr Wissen an die jungen Tiere weitergeben können, muss der Mensch diese Rolle übernehmen.
Seit Anfang dieses Jahrtausend gibt es ein Projekt in Deutschland, Österreich und Italien, das erfolgreich zu sein scheint. Mit einem Segelflugzeug wird den Jungvögeln der Weg in die Winterquartiere gezeigt. Nach einige Versuchen kamen 2007 die ersten Waldrappe wieder selbstständig in ihr Brutrevier zurück. Im Jahre 2008 führte schließlich zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder ein erwachsener Waldrapp selbstständig eine Gruppe Jungvögel ins Winterquartier und wieder zurück.