Tierpark Bochum eröffnet Voliere für Waldrappe

Foto: Tierpark Bochum

Mit schwarzen Knopfaugen, Kindchenschema, weichem Fell und einem quirligen Wesen begeistern Seehund, Erdmännchen, Katta und Co. jedes Jahr rund 300.000 Besucher im Tierpark + Fossilium Bochum. Mit diesen Reizen können die neusten, tierischen Bewohner, vier Waldrappe (Geronticus eremita), zwar nicht dienen und so werden es die Ibisvögel mit ihrem kahlen Schopf, dunklem Gefieder und krummen Schnabel vermutlich schwer haben, die Herzen der Besucher auf Anhieb zu gewinnen. Doch der „Niedlichkeitsfaktor“ ist für die Bestandsplanung des Zoos irrelevant, wie Zoodirektor Ralf Slabik betont. „Der Waldrapp zählt zu den am stärksten gefährdeten Vogelarten weltweit. Der einst heimische Vogel ist bis auf wenige freilebende Individuen vom Aussterben bedroht. Zoos haben es sich zur Aufgabe gemacht, Arten zu schützen. Daher freuen wir uns sehr, unsere Besucher ab sofort für diese ungewöhnlichen Vögel zu begeistern.“

Am Mittwoch, 05. Juli 2017, zogen drei Waldrapp-Männchen und ein -Weibchen aus dem NaturZoo Rheine in den Tierpark + Fossilium Bochum. Im Herbst sollen drei weitere Weibchen und ein Hahn aus dem britischen Chester Zoo die neue Zuchtgruppe vervollständigen. Jens Stirnberg, Leiter der zoologischen Abteilung, erklärt: „Bei der Zusammenstellung einer neuen Zuchtgruppe müssen die Tiere zunächst langsam an ihre neue Umgebung und später natürlich aneinander gewöhnt werden. Um die genetische Vielfalt zu erhalten, ist es wichtig, Tiere aus unterschiedlichen Verwandtschaftslinien zusammenzubringen.“ Mit der Aufnahme der neuen Vogelart beteiligt sich der Tierpark ab sofort auch am Europäischen Zuchtprogramm. Dieses wird übergeordnet vom Alpenzoo Innsbruck koordiniert. Die Zucht von Waldrappen in Zoos ist sehr erfolgreich. Hier umfasst der Bestand bereits rund 2.000 Tiere. Diese Reservepopulation bietet eine gute Grundlage für die Wiederansiedlung des Ibisvogels in seinem Verbreitungsgebiet.

Im Sommer 2016 hatte die Leitung des Tierparks beschlossen, auf der Fläche der ehemaligen Luchsanlage eine Voliere für Waldrappe zu errichten. Der aufwändige Umbau erfolgte in Eigenregie durch die Zootierpfleger und –Techniker des Tierparks. Zentrales Element der 156 m² Anlage ist ein gewundener Bachlauf, denn Walrappe lieben es zu baden. Die angrenzenden Felsvorsprünge dienen als ideale Sonnenplätze. Verschiedene Bodengründe, wie Sand, Erd- und Grasflächen, bieten abwechslungsreiche Beschäftigungsmöglichkeiten. Gegenüber dem bereits bezugsfertigen Winterhaus wird in Kürze eine überdachte Beobachtungshütte errichtet, von der aus Besucher einen ungehinderten, direkten Einblick in die Voliere und auf ihre gefiederten Bewohner haben werden.

Waldrappe fallen vor allem durch ihr schwarzes, grün-violett schimmerndes Gefieder auf. Ihr Kopf ist kahl und von langen Schopffedern eingerahmt. Ebenfalls charakteristisch sind der rote, gekrümmte und schmale Schnabel sowie die hellen Beine, die aus den schwarzen Federn herausragen. Sie erreichen ein Körpergewicht von 1,5 kg sowie eine Flügelspannweite von bis zu 1,25 m. Obwohl sie mit ihrem kahlen Kopf an Geier erinnern, sind Waldrappe keine Aasfresser, sondern ernähren sich überwiegend von Insekten, Larven und Regenwürmern. Waldrappe brüten in Kolonien und errichten ihre Nester gerne in den Nischen steiler Felswände, wo sie vor der Witterung sowie vor Feinden geschützt sind. Die Hennen legen bis zu vier Eier. Nach dem Schlupf dauert es fast 50 Tage bis die Nesthocker flügge werden. Für die Jungtieraufzucht sind beide Elternteile verantwortlich. Zunächst begeben sich die Jungtiere noch mit ihren Eltern gemeinsam auf Futtersuche, bevor sie sich mit anderen Jungvögeln zusammenschließen.

Bis ins 17. Jahrhundert waren die Vögel in Mitteleuropa, an der Mittelmeerküste, sowie in Marokko, Syrien und der Türkei verbreitet. Gerade junge Waldrappe galten früher als Delikatesse, sodass ihr Bestand durch Überjagung stark dezimiert wurde. Heute wird ihre Art von der Weltnaturschutzorganisation IUCN als „vom Aussterben bedroht“(„Critically Endangered“) eingestuft. Die Europäische Union fördert die Wiederansiedlungsprogramme des gefährdeten Vogels und hat sich das Ziel gesetzt, den Waldrapp bis 2019 wieder als heimischen Zugvogel zu etablieren.

Quelle: PM Tierpark Bochum