Wildkatzen im Tierpark Goldau erhalten ein neues Gehege

Junge Wildkatze - Tierpark Goldau

Junge Wildkatze – Tierpark Goldau

Alles für die Katz?

Am 6. Mai wurde die erweiterte Wildkatzenanlage im Beisein von Gönnerinnen und Gönnern, beteiligten Handwerkern und Mitgliedern des Vereins Natur- und Tierpark Goldau feierlich eingeweiht.

Die Europäische Wildkatze ist nicht die Vorfahrin unserer Hauskatze. Sie war scheu und hat den Kontakt zu Menschen gemieden. Umso unverständlicher ist es heute, dass der Mensch sie ausgerottet hat. Als einzelgängerischer Waldbewohner lebte der Mäusejäger in den Wäldern des Mittellandes. Heute ist dies kaum mehr möglich, da die grossen, zusammenhängenden natürlichen Wälder im schweizerischen Mittelland weitgehend fehlen. Nur im Jura gibt es wieder einige eingewanderte Wildkatzen. Der schweizerische Natur- und Tierpark Goldau züchtet die vom Aussterben bedrohte Tierart und unterstützt so die Wiederansiedelungsprojekte im Bayerischen Wald.

Die Wildkatzen-Anlage des Natur- und Tierparks Goldau ist 28 Jahre alt. Sie wird auch heute noch im Zoobericht des Schweizer Tierschutzes (STS) als positives Beispiel bezeichnet. Die Verantwortlichen des Tierparks Goldau haben letztes Jahr dennoch entschieden, dass die Anlage den hohen Ansprüchen an die Tierhaltung im Tierpark nicht mehr genüge und zu ersetzen sei. «Wir wollten den Lebensraum unserer Wildkatzen noch naturgetreuer gestalten. Die Katzen sollen mehr Platz erhalten und insbesondere die dritte Dimension zum Klettern noch besser ausnützen können», sagt Dr. med. vet. Martin Wehrle, Tierarzt und Kurator des Natur- und Tierparks Goldau.
Im Sommer 2013 wurde die Projektierung in Angriff genommen. Tierpfleger, Mitarbeiter des Unterhaltteams und Tierärzte stellten die Anforderungen aus der Katzenperspektive zusammen und brachten die Ideen zu Papier. Es war allen klar, dass die Erweiterung mit viel Eigenleistung umgesetzt werden musste, da das Budget sehr beschränkt war. Im Spätherbst konnte mit dem Bau begonnen werden. Die Wildkatzen verbrachten die Bauzeit ungestört in einem Ersatzgehege. Dank des milden Winters schritten die Arbeiten gut voran. Der alte Zaun wurde abgerissen und das Gelände erweitert und neu angelegt. Die Stahlkonstruktion und die Zaunanlage konnten in der parkeigenen Werkstatt gebaut und anschließend montiert werden. Bäume, die aus Sicherheitsgründen im Park gefällt werden mussten, fanden im Katzenlebensraum eine neue Verwendung. Die Äste wurden auf beiden Seiten des Zauns zu einem Haufen aufgeschichtet, in dem sich Waldmäuse ansiedeln können. Ein Bächlein wurde modelliert und unzählige Versteckmöglichkeiten für das Futter wurden geschaffen. Die Tierparkmitarbeiter konstruierten sogar eine ausgeklügelte Fütterungsanlage, damit die Katzen wie in der Natur der Beute auflauern müssen. Am Schluss wurden noch Sträucher gepflanzt, die im Park an anderer Stelle zu üppig wuchsen.
So entstand in wenigen Monaten unter Wiederverwendung von parkeigenen Materialien ein Wildkatzenparadies. Selbstverständlich wurde die Anlage nicht nur aus Katzensicht optimal gestaltet. Auch die Besucher sollen bessere Möglichkeiten haben, die scheuen Waldbewohner in ihrem Lebensraum zu beobachten, ohne dass die Tiere gestört werden. Dank einem überdachten Besuchereinblick fühlt sich der Besucher mitten im Wildkatzenwald und ist mit den Tieren ohne Gitterbarriere im direkten Kontakt. Die Mitarbeiter des Unterhalts und der Tierpflege verwandelten sich für dieses Bijou in ausgewiesene Schlosser, Maschinisten, Holzer, Baumeister, Gärtner, Sanitäre, Elektromonteure und weitere Spezialisten. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Wildkatzen vor zwei Wochen in einen naturnahen, katzengerechten Lebensraum einziehen durften.
Mittwoch, 23. April, ein wunderbarer Frühlingsmorgen kündigt sich an. Die nächtliche Ruhe im Park weicht einem neuen Tag. In der Wildkatzenanlage ist bei Tierpflegern und Tieren Spannung aufgekommen: René Gisler, der Revierleiter, öffnet die Schieber, damit die Katzen zum ersten Mal ihren neuen Lebensraum betreten können. Eine Stunde verstreicht, bis die erste auf leisen Sohlen ihr neues Revier auskundschaftet. Die junge Kätzin ist die mutigste. Geduckt und vorsichtig, aber mit der nötigen Unternehmungslust, begibt sie sich auf den ersten Streifzug durch ihr neues Territorium. Bald folgt ihr Bruder – ihm ist die Sache aber noch etwas suspekt: Er zieht sich unter einen Felsen zurück und beobachtet aus dem sicheren Unterschlupf, wie seine Schwester das neue Gelände erkundet. Vater und Mutter bleiben diskret im Hintergrund; dem Kater eilt es gar nicht. Geduldig, wie es sich für eine Wildkatze gehört, lässt er sich Zeit bis am Abend. Das wartende Futter kann ihn nicht anlocken – er hat sich ja auch genügend Reserven angelegt. In den folgenden Tagen legt sich die Spannung allmählich. Die Katzen bewegen sich zunehmend vertrauter auf ihrem neuen Territorium und finden immer neue Plätze, sei es, um genüsslich zu schlafen, auf den Baumstämmen herum zu klettern oder beim Futterautomaten zu lauern und das plötzlich herausfallende Fleisch zu erhaschen.

Dank des großen Arbeitseinsatzes der Unterhaltsmitarbeiter und der Tierpfleger sowie der Unterstützung von Gönnerinnen und Gönnern konnte diese Anlage erneuert und vergrössert werden.

Der Natur- und Tierpark Goldau setzt sich seit vielen Jahren für die Wiederansiedelung und Erhaltungszucht von Wildkatzen ein und betreibt verschiedene Forschungsprojekte:

  • Im Rahmen des Erhaltungszuchtprogramms der europäischen Zoo-Vereinigung wurden Nachzuchten an verschiedene Zoos im In- und Ausland abgegeben.
  • Um das Leben der Wildkatzen im Tierpark Goldau so interessant wie in der Natur zu machen, hat der Tierpark Goldau in mehreren Projekte Beschäftigungsmöglichkeiten mit Geruchsubstanzen erforscht.
  • Zu einer naturnahen Haltung gehört eine artgerechte Fütterung. Der Tierpark Goldau entwickelte verschiedene Fütterungstechniken, damit sich die Wildkatzen aktiv um das Futter bemühen müssen.
  • In einer Studie der Zürcher Hochschule für Wissenschaften ZHAW wurden neue Lebensräume für zukünftige Wiederansiedelungsprojekte analysiert. Diese Studie wurde durch den Natur- und Tierpark Goldau mitinitiiert und mitfinanziert.

Quelle: PM Natur- und Tierpark Goldau