Wilhelma: Äffin hilft als Tagesmutter über Artgrenzen hinweg

Weißkopfsaki Riane trägt einen der Zwilinge der Goldkopflöwenäffchen auf dem Rücken in der Wilhelma in Stuttgart – Foto: Wilhelma

Im Amazonienhaus der Wilhelma in Stuttgart spielen sich derzeit berührende Szenen ab, die die Besucher überraschen und die Zoologen faszinieren: In leuchtendem Orange ragt der Schopf eines Babys der Goldkopflöwenäffchen aus dem schwarzgrauen Rückenfell eines Weißkopfsakis. Da hockt doch tatsächlich ein Baby regelmäßig auf dem Rücken der falschen Affenart. Die Tierpfleger beobachten das ungewöhnliche Phänomen seit Wochen: Weder ist da ein kleiner Irrläufer in dem Gemeinschaftsgehege mal auf den falschen Rücken gesprungen, noch handelt es sich um Babyraub einer kinderlosen Möchtegern-Mutter.

Regelmäßig trägt Saki Riane eines der beiden im Mai geborenen Goldköpfchen umher, während deren Mutter Kamya sich um den anderen Zwilling kümmert. Spätestens wenn Essenszeit ist, gibt Riane das Baby bereitwillig zum Säugen an Kamya zurück. Die Nachbarschaftshilfe als Tagesmutter für eine sonst mit Zwillingen überlastete „alleinerziehende“ Mama beeindruckt auch Experten. „Mithilfe beim Tragen von Jungtieren innerhalb einer Familie ist bei vielen Krallenaffen die Regel“, sagt Marianne Holtkötter, Affen-Kuratorin der Wilhelma, „aber dass nicht verwandte Affen scheinbar ohne eigenen Nutzen bei der Aufzucht helfen, ist außergewöhnlich.“ Zumal es ein ungleiches Paar ist, denn Weißkopfsakis sind etwa dreimal so groß wie Goldkopflöwenäffchen. „Manche Primatenforscher sehen hier vielleicht ein Beispiel für Altruismus bei Tieren, also für eine in diesem Fall sogar artübergreifende Hilfe, die dem Helfer keinen erkennbaren Vorteil bietet“, sagt Holtkötter. „Doch sollte man genauer prüfen, wie sich das ungewöhnliche Verhalten entwickelt hat.“ Zu bedenken ist, dass Riane als Tochter des Saki-Zuchtpaares der Wilhelma zur Vermeidung von Inzucht keine eigenen Kinder bekommen darf. Mütterliche Fürsorge ist aber offenbar trotzdem Bestandteil ihres angeborenen Verhaltens, vielleicht sogar ein Bedürfnis.

Die bemerkenswerte Geschichte im südamerikanischen Regenwald-Dschungel verfügt über genug Stoff für eine mehrteilige Telenovela: Neulinge, die gemobbt werden; späte Liebe und früher Tod; Feinde, die zu Freunden werden. Das alte Goldkopflöwenaffen-Paar Nuno und Juanita war prima mit den Sakis als Mitbewohnern klargekommen, hatte aber keinen Nachwuchs. Als Juanita 2016 starb, zog Kamya in die Wilhelma. Von der ihm zugedachten Partnerin zeigte Nuno sich erst nicht begeistert. Die verunsicherte Neue – in ihrem Heimatzoo im englischen Bristol nicht an andere Affenarten gewöhnt – wurde allen voran von Riane durchs Gehege gescheucht. Mit der Zeit wurde die des Jagens aber müde, und Kamya lernte, dass ihr keine wirkliche Gefahr drohte. Mit der Geburt der Zwillinge erwärmte sich Nuno für seine Partnerin. Rührend kümmerte er sich ab da um sie und den Nachwuchs. Wie bei Krallenaffen üblich, entlastete er die junge Mutter, indem er die Zwillinge oft huckepack trug.

Im Juni beobachteten die Tierpfleger erstmals, dass Riane eines der Goldkopflöwenäffchen trug. Dann der Schicksalsschlag: Als Nuno Mitte Juli völlig unerwartet an einer Nierenentzündung starb, musste Kamya plötzlich allein mit ihren Zwillingen zurechtkommen. Ab dann sprang Riane immer regelmäßiger als Tagesmutter ein – und zwar immer für dasselbe Jungtier. Wie sich die beiden ungleichen Affendamen, die sich anfangs gar nicht grün waren, so erstaunlich eingespielt haben, bleibt ihr Geheimnis.

Quelle: PM Wilhelma