Zählen, messen, wiegen – Inventur im Wildpark Lüneburger Heide

Zoonews NewsImmer wenn sich die Tierpfleger im Wildpark Lüneburger Heide mit Zollstock, Waage und Notizblock bewaffnet auf den Weg zu ihren Schützlingen machen, lässt das nur einen Schluss zu: es ist wieder Zeit für die Inventur. Zu Beginn des Jahres wird der Tierbestand im Park auf den aktuellen Stand gebracht. Vom Tiger bis zur Gespenstschrecke werden alle Tiere gezählt und erfasst. Die reinen Fakten: Inzwischen leben 144 Tierarten mit 1223 Einzeltieren im Park. Damit ist der Bestand nahezu konstant geblieben – fünf Tiere mehr sind es im Vorjahresvergleich.

„Die Inventur ist aber viel mehr, als nur reines Zählen“, erklärt Alexandra Urban, Leiterin der Tierpflege im Wildpark. Zum einen hat der Park Meldepflichten gegenüber Behörden und Artenschutzorganisationen. „Zum andern sind wir natürlich auch immer sehr am Entwicklungsstand unserer Schützlinge interessiert und manche Dinge kann man eben nicht nur mit Augenmaß und täglicher Sichtkontrolle einschätzen, sondern braucht Zahlen und Fakten“ – wie zum Beispiel bei der maurischen Schildkröte, die von den Pflegern nur „Die Dicke“ genannt wird. „Durch so einen Panzer hindurch kann man nicht sehen, ob das Tier Übergewicht hat, oder nicht.“ Als „Die Dicke“ auf die Waage gesetzt wird, signalisiert sie mit wildem Rudern der Beine, dass ihr das Prozedere gar nicht gefällt. Aber was sein muss, muss sein. Im letzten Jahr hatte sie Übergewicht, wurde auf Diät gesetzt. „2.590 Gramm, hey Du hast ja abgenommen,“ freut sich Alexandra Urban. Eine weitere Diät ist abgewendet – Glück gehabt.

Jetzt ist Leguan „Herr Hermann“ an der Reihe. Bevor Alexandra Urban irgend etwas anderes macht, muss sie die Echse erstmal bestechen – und zwar mit Streicheleinheiten. „Herr Hermann“ scheint ein Genießer zu sein – es dauert nicht lange und er schließt die Augen, als die Tierpflegerin ihm den Hals krault. Jetzt kann das Zentimetermaß zum Einsatz kommen. Die Messung ergibt eine kleine Überraschung: der Leguan ist vom Kopf bis zur Schwanzspitze 100 Zentimeter lang – genau wie im Vorjahr. „Normalerweise wachsen die Tiere jedes Jahr ein kleines Stückchen“, sagt Urban, für die es aber keinen Grund zur Sorge gibt, denn „Herr Hermann“ hat inzwischen schon ein Paar Jahre auf dem Buckel und scheint nun endgültig ausgewachsen zu sein.

Manchmal müssen die Tierpfleger auch erfinderisch sein, zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, wie man einen kleinen Poitou-Esel wiegen soll! Hier hilft Jens Pradel, der sich sonst hauptsächlich um Raubkatzen und Bären kümmert. Zur Inventur packen alle bei den Kollegen mit an. Pradel geht in die Knie, umfasst „Friederike“ – so heißt das Esel-Mädchen – von der Seite um die Beine, hebt es an und scheint selbst überrascht, wie schwer so ein nicht mal vier Wochen alter Poitou-Esel sein kann. Gemeinsam stellen sich beide auf eine Personenwaage. Das Ergebnis nach Abzug des Tierpfleger-Eigengewichts: das Esel-Mädchen bringt schon stolze 55 Kilogramm auf die Waage. „In diesem Fall ist das Wiegen für uns wichtig, weil für Friederike eine Wurmkur ansteht und wir den Wirkstoff so exakt wie möglich auf das Gewicht des Tieres abstimmen wollen“, erläutert Alexandra Urban. Jetzt wird bei Friederike noch „Zigeunermaß“ genommen. Dazu misst Alexandra Urban die Länge eines Vorderbeins und multipliziert das Ergebnis mal zwei. Urban rechnet: „148 Zentimeter – wow, das ist viel! Das Zigeunermaß gibt uns Aufschluss über die ungefähre Größe von Friederike, wenn sie ausgewachsen ist. Mit knapp 150 Zentimetern wird sie einmal eine sehr stattliche Eselsdame werden“, freut sich Urban und beruhigt ihren Kollegen mit einem Augenzwinkern: „Dann müsst ihr aber nicht mehr gemeinsam auf die Waage, sondern wir schätzen das Gewicht lieber.“

Quelle: PM Wildpark Lüneburger Heide