Zoo Halle: Elefantenkuh Bibi tötet Kalb im Affekt nach Geburt

Trauer Tod zoogast.deIn der Nacht von Montag auf Dienstag brachte Elefantenkuh Bibi im Zoo Halle ihr langersehntes Kalb auf der Außenanlage inmitten ihrer Herde zur Welt. Trotz der Versuche von Elefantenleitkuh Mafuta, Bibi unmittelbar nach der Geburt von Ihrem Kalb abzudrängen, hat diese unter dem Eindruck des Geburtsschmerzes das Neugeborene sofort attackiert und wahrscheinlich dabei die tödlichen Verletzungen zugefügt. Ein Einschreiten der Tierpfleger war unter den gegebenen Umständen nicht möglich.

Bereits seit Wochen hat das Team um Zoodirektor Dr. Dennis Müller unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit die Geburt des Nachwuchses von Elefantenkuh Bibi erwartet. Am frühen Abend des gestrigen Tages traten dann bei Bibi die ersten Stellwehen auf, die die nahende Geburt ankündigten. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Herde einschließlich Bibi auf der Außenanlage. Gegen 23:30 Uhr platzte dann die Fruchtblase und kurz nach Mitternacht wurde ein lebendiges Kalb geboren. Wiedererwarten zeigte die Herde dabei ein sehr natürliches Verhalten und Leitkuh Mafuta versuchte unmittelbar nach der Geburt, die sichtlich vom Geburtsschmerz beeinflusste Mutterkuh Bibi von Ihrem Neugeborenen abzudrängen. Trotzdem erfolgte die erste Reaktion von Bibi derart schnell, dass auch Mafuta nicht in der Lage war, Bibi von massiven Kopfstößen gegen das Jungtier abzuhalten. Aufgrund des gewählten Szenarios einer Gruppengeburt war es dem anwesenden Geburtsteam leider nicht möglich, unmittelbar in den Geburtsablauf einzugreifen. Selbst die größere und stärkere Leitkuh Mafuta vermochte anfangs nicht, Bibi von der ersten Attacke auf ihr Jungtier abzuhalten. Diese Angriffe haben vermutlich die tödlichen Verletzungen herbeigeführt. Die Herde stand dabei schützend um Bibi herum und Kurz nach dem Angriff beruhigte sich Bibi auch zunehmend, ließ sich sogar von Mafuta von ihrem Kalb abdrängen. Nach Abklingen des Geburtsschmerzes kamen dann eindeutig ihre Mutterinstinkte zum Tragen und sie versuchte, das reglose Jungtier wieder aufzurichten. Auch die Herde nahm nach einem ersten Erschrecken rege Anteilnahme und beschnüffelte unter Obacht der Leitkuh vorsichtig das am Boden liegende Jungtier. Erst nach mehreren Stunden ließ sich Bibi dann von den Tierpflegern dazu bewegen, von der Seite Ihres verstorbenen Jungtiers zu weichen und in die Stallung zurückzukehren. Daraufhin wurde der Körper des Kalbes geborgen und umgehend in die tiermedizinische Pathologie nach Leipzig gebracht.

Bereits in den letzten 2 Tagen war bei Bibi eine zunehmende Nervosität und die Vorbereitung auf die nahende Geburt beobachtet worden. Aus der Wildtierforschung weiß man, dass Elefanten in der Lage sind, eine Geburt gezielt hinauszuzögern, wenn die äußeren Umstände nicht als optimal empfunden werden. Um die befürchtete Störung des Geburtsablaufes mit der Gefahr nicht vorhersehbarer Komplikationen insbesondere auch für die werdende Mutter zu entgegnen, entschied sich das Geburtsteam am Montagfrüh, Bibi und die Herde auf die Außenanlage zu lassen, um Bewegung und Stressabbau zu ermöglichen. Dabei wurde beobachtet, dass sich die Herde und insbesondere Leitkuh Mafuta entgegen der ursprünglichen Einschätzungen wie in der freien Wildbahn üblich verhielt. Während sich die anderen Kühe schützend um Bibi gruppierten, zeigte Mafuta eine starke Anteilnahme für Bibi und demonstrierte ihre Beschützerinstinkte, sobald sich Zoobesucher der Anlage nährten. Auf Grund dessen wurde kurz nach Öffnung des Zoos entschieden, die Herde von den Besuchern abzuschotten und die gesamte Elefantenanlage weiträumig abzusperren. Auch die Tierpfleger und Tierärztinnen hielten sich weitestgehend zurück, da alles daraufhin deutetet, dass dies der Mutterkuh sowie der gesamten Herde die notwendige Ruhe und Sicherheit für die finale Geburtsvorbereitung verschaffte. In mehreren Abstimmungsgesprächen im Geburtsteam wurde dann auf Grund der neuen Erkenntnisse im Verlaufe des Tages entschieden, das ursprünglich geplante Geburtsszenario zu verwerfen und Bibi eine natürliche Geburt inmitten der Herde zu ermöglichen.

In einer ersten Auswertung der Geschehnisse wurde jetzt klar, dass der traurige Ausgang der Geburt in keinem Szenario hätte verhindert werden können und die relativ kurzfristige Entscheidung für eine natürlichen Geburt im Herdenverband trotz des unglücklichen Ausgangs die Richtige war. Die letzte Variante, eine Geburt bei einer angekettet Elefantenkuh, kommt für den Zoo Halle insbesondere aufgrund ethischer und tierschutzrechtlicher Überlegungen nicht in Frage. Im Hinblick auf die noch bevorstehenden zwei Geburten durch andere Kühe der halleschen Elefantenherde hat sich jedoch gezeigt, dass die Herde sehr wohl in der Lage ist, mit einer Geburt in ihrer Mitte der Herde und somit auf natürliche Weise umzugehen – insbesondere, da mit Bibi und Mafuta bei der nächsten Geburt nun zwei erfahrene Kühe der werdenden Mutter bei Seite stehen. Dies ist trotz aller Tragik des Geschehenen eine wertvolle Erkenntnis, wenn auch nur ein schwacher Trost. Nun herrscht natürlich erst einmal tiefe Trauer im gesamten Zooteam und insbesondere bei den Elefantenpflegern, die den Hergang miterleben mussten.

Quelle: PM Zoo Halle