Zoo Osnabrück: Elefantenbaby eingeschläfert

Trauer im Zoo Osnabrück: Während der im Dezember geborene Elefant Yaro sich prächtig entwickelt, musste das zweite Elefantenbaby nach seiner Geburt heute Nachmittag erlöst werden. Das erste Kalb von Elefantenkuh Sita trank nicht bei seiner Mutter und wurde immer schwächer.

Die Stimmung im Zoo Osnabrück ist sehr bedrückt: „Der kleine Bulle kam am vergangenen Donnerstag zur Welt, aber er wollte einfach nicht bei seiner Mutter trinken, hatte nun bereits starken Durchfall und wurde immer schwächer. Wir haben alles versucht, auch mit Unterstützung vieler Experten, aber nun mussten wir unsere Verantwortung wahrnehmen, damit das Tier nicht unnötig leidet“, fasst Andreas Wulftange, zoologischer Leiter und zuständig für die Asiatischen Elefanten im Zoo Osnabrück, die tragischen Ereignisse der letzten Tage zusammen. Der Zoo hatte bislang über die Geburt noch nicht informiert, da es von Anfang an nicht gut aussah, aber dennoch die Hoffnung bestand, dass das Tier über das Wochenende anfängt zu trinken.

Zwar verlief die Erstgeburt der Kuh Sita in der Nacht scheinbar gut, aber es gab von Anfang an Grund zur Sorge: „Was uns an dem Morgen beunruhigt hat, war das Verhalten der Elefantenherde“, erklärt Wulftange. „Das Neugeborene stand in einer Ecke des Elefantenhauses und der Rest der Herde, Mutter Sita, ihre Mutter Douanita, der 3,5 Jahre alte Minh-Tan und der zwei Monate alte Yaro, in der anderen Ecke. Normalerweise kümmert sich die Mutter, aber auch die Anführerin der Herde, das ist bei uns Douanita, nach der Geburt sofort um das Jungtier, weichen ihm nicht von der Seite.“ Das ungewöhnliche Verhalten ließ bereits nichts Gutes erahnen, allerdings erschien der neugeborene Bulle den Tierpflegern und Tierärzten als äußerlich gesund. Die erstgebärende Sita entwickelte am Vormittag der Geburt immer mehr Interesse an ihrem Kind, berüsselte ihn und wollte ihm die Zitze geben, der Kleine interessierte sich jedoch nicht dafür. „Nach der ersten Erleichterung, dass Sita ihr Kind annimmt, war das der nächste, noch etwas größere Schock“, so Wulftange. „Das Jungtier nuckelte zwar an vielen anderen Dingen, selbst an den Stahlträgern an der Wand, aber er wollte nicht an Sitas Zitzen saugen und konnte so nicht die wichtige Muttermilch aufnehmen.“

Die Flasche hilft nicht auf Dauer
Seit Freitag probierten die Verantwortlichen im Zoo deswegen den Kleinen mit der Flasche und angerührter Elefantenmilch aus Milchersatzpulver an Sitas Zitzen zu bekommen. In den ersten drei Tagen wurde Sita dafür leicht sediert, sodass sie schlief, aber noch stand, und das Team direkt in den Stall zu Mutter und Kalb gehen konnte. Da die Elefanten im Zoo Osnabrück im sogenannten „geschützten Kontakt“ gehalten werden, die Mitarbeiter sich ihnen also nur durch Abtrennungen geschützt nähern, ist ein so enges Arbeiten mit den Tieren nur mit Narkosemitteln möglich. „Anfangs stemmte sich das Jungtier mit allen vier Füßen dagegen, als wir es näher zu seiner Mutter an die Zitze bringen wollten. Das ist wirklich Schwerstarbeit bei einem 100 Kilo schweren Tier – und auch nicht ungefährlich. Er trank nach einigen Versuchen aus der Flasche und wir konnten ihn nach und nach zur Zitze leiten, aber er wollte dort nicht saugen“, berichtet Zootierarzt Thomas Scheibe. Da eine tägliche Sedation über einen längeren Zeitraum nicht gut für das Tier ist, gelang es dem Team schließlich, mithilfe des medizinischen Trainings, Mutter Sita passend an die Abtrennung zu stellen. So konnten die Tierpfleger durch die Streben die Flasche an ihre Zitze halten und den Kleinen anlocken. „Sita hat das super mitgemacht und war ganz ruhig. Aber für uns war es immer noch sehr gefährlich und gleichzeitig konnten wir die Flasche nicht ganz optimal an die Zitze positionieren, wie das bei Elefantenhaltung mit direktem Kontakt ohne Abtrennung möglich ist. Zudem wollte der Kleine einfach nicht an die Brust, er lief immer wieder weg“, bedauert Scheibe.

Flaschenaufzucht keine Option
Dabei ist die original Elefantenmuttermilch besonders wichtig. Sie ist durch nichts zu ersetzen, denn sie enthält über längere Zeit mütterliche Antikörper, die die Jungtiere der Asiatischen Elefanten zum Überleben brauchen. „Deswegen ist Füttern per Flasche keine dauerhafte Lösung. In allen uns bekannten Fällen haben Flaschenaufzuchten, die von Geburt an notwendig waren, gravierende Auswirkungen auf Asiatische Elefanten. Die Jungtiere sind meist nur wenige Monate oder Jahre alt geworden, da sie schnell Infekte, Krankheiten oder Knochenerkrankungen entwickelten. Zudem sind Flaschenaufzuchten generell zu stark vom Menschen geprägt und zeigen ein artuntypisches Verhalten. So können sie sich zum Beispiel nicht richtig in einer Herde sozialisieren“, erklärt Scheibe. „Für die Tiere ist das immer mit einem lebenslangen Leiden verbunden, das möchten wir ihnen ersparen.“

Gesundheitszustand verschlechterte sich
Ein Rätsel ist für die Zoomitarbeiter auch, warum sich die anderen Elefanten so wenig um den jüngsten Nachwuchs kümmerten. „Selbst Leitkuh Douanita zeigte überhaupt kein Interesse. Es kann auch sein, dass das Jungtier nicht ganz gesund war – was wir Menschen vielleicht nicht wahrnehmen können, aber die Elefanten schon. Der Kleine selbst suchte auch keinen Kontakt zu den anderen Artgenossen oder seiner Mutter. Hauptsächlich war es Sita, die hinter ihm herlief“, berichtet Biologe Wulftange. Für alle Beteiligten war die Situation sehr frustrierend und traurig. „Eigentlich ist alles gut laufen: Sita hat die Geburt geschafft, sie kümmerte sich sehr gut und hatte Milch. Nur das Jungtier wollte nicht zu seiner Mutter“, bedauert Wulftange. Über die Tage verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Jungtiers: Die Muskulatur baute merklich ab und er bekam am Montag starken Durchfall. Am Dienstag stand das Team dann vor der schwierigen Entscheidung das Tier zu erlösen: „Wenn Elefanten in der Natur nicht trinken, verhungern sie. Dort ist niemand, um ihnen zu helfen. Hier im Zoo können wir immer ein wenig gegensteuern. Aber wenn es nicht weiter geht, ist das letzte, was wir tun können, dem Kleinen die Qualen eines Hungertodes zu ersparen und ihn zu erlösen“, sagt Wulftange.

Teamwork mit anderen Zoos
Bis es zu der Entscheidung kam, arbeiteten Tierpfleger, Tierärzte und die zoologische Leitung seit der Geburt mit Überstunden unermüdlich daran, den Kleinen endlich zum Trinken bei seiner Mutter zu bewegen. Dafür standen sie auch im engen Kontakt mit anderen Zoos und Elefantenexperten aus ganz Deutschland sowie dem zuständigen Veterinäramt. Am heutigen Dienstag machte sich noch Imke Lüders, Zootierärztin im Allwetterzoo Münster und tierärztliche Beraterin für das Zuchtbuch von Afrikanischen Elefanten, ein Bild von dem Jungtier: „Die Situation war wirklich sehr kompliziert und schwierig. Das Team hatte bereits alles versucht, nun hatte das Jungtier noch schweren Durchfall, im geschützten Kontakt kommt man nur sehr schwer und mit großen Risiken an die drei Tonnen schweren Tiere heran und man hat keine Garantie, dass es irgendwann klappen wird. Und eine Flaschenaufzucht ist bei Asiatischen Elefanten keine Option – das verlängert nur das Leiden.“

Abschied vom Nachwuchs
Am Dienstagnachmittag musste schließlich das Jungtier eingeschläfert werden – für alle Beteiligten ein schwerer Schritt. „Wir hatten uns 22 Monate auf den Kleinen gefreut. Wir haben ihm extra noch keinen Namen gegeben, weil die Bindung sonst noch größer und eine derartige Entscheidung noch schwerer wird“, erläutert Wulftange. Der Leichnam wird am Mittwochmorgen in die Pathologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover gebracht, um dort abschließend untersucht zu werden. „Eventuell wird hier noch festgestellt, warum das Jungtier sich so merkwürdig verhalten hat. Für uns sind das hier die traurigsten Entscheidungen, aber sie gehören dazu.“ Über Nacht haben die Elefanten Zeit sich zu verabschieden, falls sie das möchten. „Insbesondere für Sita kann das wichtig sein. Sie hat auf jeden Fall gezeigt, dass sie eine sehr gute Mutter ist und darüber freuen wir uns hier bei aller Trauer sehr. Vielleicht gibt es ja mit unserem Elefantenbullen Luka und Sita beim nächsten Mal ein gutes Ende“, so Wulftange.

Quelle: PM Zoo Osnabrück

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