Zoo Zürich: Blaue Baumwarane haben Nachwuchs

Foto: Zoo Zürich /  Peter Bolliger

Foto: Zoo Zürich / Peter Bolliger

Baumwarane sind geschickte Jäger. Der Zoo Zürich fördert und fordert sie mit speziellen Fütterungsmethoden. Und er freut sich über sechs frisch geschlüpfte Jungtiere – darunter seltene Zwillinge.

Die ersten «Ur»-Warane lebten vor rund 100 Millionen Jahren, die modernen Warane entwickelten sich vor etwa 20 Millionen Jahren. Fossile Funde lassen vermuten, dass Warane früher auch in Europa und Nordamerika verbreitet waren. Heute beschränkt sich der Lebensraum aller rund 80 Vertreter der Gattung Varanus auf die warmen und heissen Gebiete Afrikas, Südasiens und die Region Australien. Die einst grösste Waranart war fast sieben Meter lang und wog über eine halbe Tonne; der Riesenwaran aus Australien ist erst vor rund 25‘000 Jahren ausgestorben. Der grösste rezente Vertreter, der Komodowaran, erreicht vergleichsweise «bescheidene» 3.5 Meter und 150 Kilogramm. Die kleinsten Warane sind Winzlinge, nur 20 Zentimeter lang und 20 Gramm schwer.

Alle Warane haben fünfzehige Gliedmassen, die mit kräftigen Krallen ausgestattet sind. Der Kopf sitzt auf einem langen Hals, die Augen haben runde Pupillen und die Zunge ist lang und gespalten. Warane besitzen, wie andere Reptilien auch, ein hochempfindliches Geruchsorgan, das Jacobson’sche Organ. Damit orten sie Nahrungsquellen und erkennen Rivalen oder Geschlechtspartner. Warane konnten fast alle Lebensräume besiedeln: Sie bewohnen Steinwüsten, Grassteppen, Baumsavannen, Mangrovenwälder und auch tropische Regenwälder. Sie klettern, schwimmen, tauchen und rennen – einige einfach etwas besser oder schneller als andere.

Der Blaue Baumwaran (Varanus macraei)
Der Blaue Baumwaran wurde erst im Jahr 2001 beschrieben. Er ist ein hochspezialisierter Kletterer. Erstaunlich ist seine Fähigkeit, den Greifschwanz als fünfte Extremität zu nutzen. Die Verbreitung des Blauen Baumwarans beschränkt sich auf die winzige Insel Batanta (nordwestlich des indonesischen Teils von Neuguinea). Die Internationale Welt-Naturschutzunion IUCN hat die Art noch nicht evaluiert. Sie ist entsprechend nicht auf der Roten Liste zu finden. Die Gefahr ist allerdings gross, dass auch sie als stark gefährdet eingestuft wird. Batanta ist nur 450 Quadratkilometer gross.
Über die Biologie des Blauen Baumwarans ist so gut wie nichts bekannt. Die wenigen biologischen Daten sind Erfahrungen und Beobachtungen aus der Terrarienhaltung.

Jungtiere im «Doppelpack
Am 19. Februar 2011 verkündete der Zoo Zürich die Erstzucht Blauer Baumwarane in der Schweiz. Seither sind 31 weitere Tiere geschlüpft, 6 davon in diesem Jahr. Mit dabei ist eine Besonderheit: Am 13. April 2015 schlüpften aus einem Ei Zwillinge. Solche eineiigen Zwillinge sind bei Reptilien und Vögeln selten. Das Platz- und Nährstoffangebot in einer Eischale ist klar begrenzt – anders als etwa bei Säugetieren. Entsprechend kleiner sind denn auch die Schlüpflinge, sofern sie sich überhaupt entwickeln.
Äusserlich war das «Doppel-Ei» unauffällig und liess sich nicht von den restlichen Eiern des Geleges unterscheiden. Auch während des Schlupfes, der zwar regelmässig kontrolliert, in den aber nicht eingegriffen wird, konnte nichts Ungewöhnliches entdeckt werden. Erst als alle Jungtiere geschlüpft waren, wurde offensichtlich, dass in der Buchhaltung etwas nicht stimmen konnte: Aus fünf Eiern waren sechs Jungtiere geschlüpft. Die Kontrolle mit der Waage schaffte dann Gewissheit: «Normalgewichtige» Jungwarane wiegen 14 Gramm – zwei Tiere brachten aber nur je 7 Gramm auf die Waage.
Die Entwicklung aller Jungwarane verläuft derzeit problemlos. Ob und wann die kleinen Zwillinge ihr Handicap in der Grösse ausgleichen können, wird nun beobachtet. Die Jungwarane sind ab sofort im Terrarium zu sehen.

Das Gute hängt vom Himmel
Eine gute Tierhaltung zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass die Tiere arttypische Fähigkeiten und arttypisches Verhalten abrufen und anwenden können. Der Blaue Baumwaran ist ein hervorragender Kletterer. Er ist leicht, ausgerüstet mit spitzen Krallen, die ihm auf allen Unterlagen sicheren Halt verleihen. Sein langer, beweglicher Greifschwanz gibt ihm zusätzliche Stabilität im dünnen Geäst. Mit seinen spitzen Zähnen kann er seine Beute packen und sie, dank seiner beachtlichen Kraft, auseinander reissen. Je nach Beute wendet der Waran unterschiedliche Jagdstrategien an.

All diese physischen und kognitiven Fähigkeiten benötigt der Blaue Baumwaran auch bei der Nahrungsaufnahme im Zoo Zürich. Unter der Regie von Reviertierpfleger Roland Steiner erhalten die Tiere verschiedene Futterarten, die ausserdem unterschiedlich angeboten werden. Beispiele hierfür sind die Ganzkörperfütterung (Maus, Küken) und die Verabreichung von lebenden Insekten in einem Dispenser. Das Angebot soll laufend erweitert werden: Als nächste Versuche sind Wachteleier im Vogelnest oder das Anbieten eines ganzen toten Huhnes oder Kaninchens geplant. Nach einem solch ergiebigen «Beutefang» werden dann mehrere Fastentage eingeschaltet. So bleiben die Tiere gesund und produzieren hoffentlich viele weitere fruchtbare Gelege.

Quelle: PM Zoo Zürich