Zoo Zürich: Rote Varis haben Nachwuchs – Amurtiger nicht

Aufgenommen im Tierpark Hellabrunn 2012 - Foto:M.Schmid/zoogast.de

Symbolbild (Roter Vari) – Foto:M.Schmid/zoogast.de

Um einen gesunden Tierbestand aufrecht zu erhalten, ist man als Zoo auf Partner angewiesen, mit welchen Tiere ausgetauscht werden können. Tauschpartner des Zoos in Zürich sind insbesondere die rund 350 in der EAZA, der europäischen Zoovereinigung, zusammen geschlossenen Zoos. Im Rahmen der EAZA werden auch die verschiedenen Zuchtprogramme koordiniert. Das primäre Ziel dieser Zuchtprogramme ist die Erhaltung genetisch gesunder Zoopopulationen über einen längeren Zeitraum. Und hier beginnt die Arbeit, die für den Zoobesucher nicht sichtbar ist.

Konkret heisst das Ziel eines Zuchtprogramms, nach Möglichkeit mindestens 90% der genetischen Variabilität der Gründertiere einer Zoopopulation über einen Zeitraum von 100 Jahren zu erhalten. Das bedingt eine minimale Anzahl von ‘Gründertieren’, verlässliche Angaben zu den einzelnen Tieren, Hilfsmittel zur Analyse der Population und Modellierung künftiger Entwicklungen. Und es braucht die Einhaltung der ‚Spielregeln‘ durch alle Teilnehmer an einem solchen Zuchtprogramm. Zu diesen ‚Spielregeln‘ gehört die Einhaltung von Zuchtempfehlungen, die auch Zuchtstopp bedeuten können. Die Koordinatoren der Zuchtprogramme bemühen sich, genetisch gesunde, altersmässig gut strukturierte und an die bestehenden Platzkapazitäten angepasste Populationen zu etablieren. Es sind gegen 500 Zuchtprogramme, die im Rahmen der EAZA koordiniert werden, je etwa hälftig intensive geführte EEPs (‘Europäisches Erhaltungszucht-Programm’) und auf einer tieferen Stufe geführte ESBs (‘European Studbook’).

Der Zoo Zürich ist an 50 dieser Programme beteiligt und koordiniert zwei EEPs (Südliches Vikunja und Kappengibbon) und ein ESB (Galapagos Riesenschildkröte). Nachfolgend sollen zwei EEPs herausgegriffen und ihre Arbeitsweise näher erläutert werden.

Roter Vari
Die Roten Varis haben in Madagaskar ein auf die Halbinsel Masoala beschränktes Verbreitungsgebiet, stellen gleichsam eine Flagship-Art des Masoala Regenwaldes dar. Seit 1987 ist diese Lemurenart im Tierbestand des Zoo Zürich. Sechs Tiere bezogen 2003 den neueröffneten Masoala Regenwald. 2006 und 2007 kamen hier je zwei Jungtiere zur Welt. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Population der Roten Vari in Europa kontinuierlich auf rund 350 Tiere angewachsen. Dabei ging der Überblick über die genetischen Verhältnisse in dieser Population etwas verloren. Die Zucht wurde eingeschränkt, der Bestand analysiert und ein Masterplan für die weitere Entwicklung der Population entworfen. Die Ausgangslage: Zehn ‘Gründertiere’ bilden die Basis des europäischen Bestandes, drei dieser Tiere haben sich besonders erfolgreich vermehrt. Rote Varis werden nur zum Teil in Paaren gehalten, vielfach sind es grössere Gruppen mit bis zu neun Individuen. Die Jungensterblichkeit ist mit gut 40% recht hoch, dafür bringen die Weibchen Würfe von ein bis vier Jungen zur Welt. Die Roten Vari pflanzen sich saisonal fort, die
meisten Geburten sind bei uns in den Monaten April und Mai zu verzeichnen. 2007 erhielt auch der Zoo Zürich einen Zuchtstopp. Die vier Weibchen wurden in den folgenden Jahren immer wieder mit Hormon-Implantaten versehen, um Nachwuchs zu verhindern. 2014 erhielten zwei der Weibchen dann eine Zuchtempfehlung. Zugleich kam die Empfehlung, die vier Zürcher Männchen abzugeben und durch zwei andere Männchen aus Frankreich zu ersetzen. Von diesem Zeitpunkt an wurden die Hormon-Implantate der zur Zucht zugelassenen Weibchen nicht mehr erneuert und die Frage stand im Raum, wie lange die Wirkung dieser Implantate effektiv anhalten würde. Am 24. April 2016 kam die eine Antwort: Das 2006 im Masoala Regenwald geborene Weibchen Garabola brachte drei Junge zur Welt. Junge Varis kommen in einem Nest behaart und sehend zur Welt, sind ein ‘Zwischending’ zwischen Nesthocker und Nestflüchter. Für Ortswechsel können sie sich an der Mutter festklammern oder werden von ihr im Maul transportiert. Schon bald beginnen sie mit den eigenen Kletterübungen. Im Zuchtprogramm des Roten Varis hat sich der Bestand stabilisiert. Eine gewisse Anzahl an Tieren erhalten Zuchtempfehlungen, andere Tiere sind mit einem Zuchtstopp belegt. Ein grösserer Teil des Bestandes lebt in reinen Männchen- oder Weibchengruppen. Mit der kleinen Zahl von ‘Gründertieren’ und der komplexen Sozialstruktur ist das Ziel, 90% der ursprünglichen genetischen Diversität zu erhalten, nicht erreichbar. Aber die getroffenen Massnahmen tragen dazu bei, dass möglichst viel dieser Diversität in der Population zurück bleibt und auch eine Rückkehr einzelner Tiere in ihr Ursprungsgebiet in Erwägung gezogen werden kann.

Amurtiger
Seit der Eröffnung des Zoo Zürich 1929 gehört der Amurtiger – mit einem Unterbruch zwischen 1942 und 1961 – zum Tierbestand. 1990 kam über den Zoo Moskau das Weibchen Kora nach Zürich. Kora war ein Wildfang und damit ein potentielles ‘Gründertier’ für die Zoopopulation der Amurtiger. Als Partner erhielt sie 1992 den Kater Nikki aus Marwell/GB. Bereits im folgenden Jahr brachte Kora drei Junge zur Welt, die sie auch erfolgreich aufzog. Noch bevor die Jungtiere an andere Zoos weitergegeben wurden, wurde für das Zürcher Paar ein Zuchtstopp ausgesprochen: Unter den gegebenen Umständen wünschte das Zuchtprogramm keine weiteren Jungtiere von diesem Paar. Der Koordinator des Amurtiger-Zuchtprogramms weiss, wie viele Tiere er unterbringen kann, wie viele Tiere er jedes Jahr etwa ersetzen muss, wie vielen Paaren er eine Zuchtempfehlung aussprechen muss, um eine entsprechende Anzahl Jungtiere zu erhalten. Um eine möglichst hohe genetischen Diversität in der Population zurück zu behalten, bedient sich der Koordinator beim Amurtiger des sogenannten Mean Kinship value (MK). Der Mean Kinship value (der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad) gibt an, wie stark ein Individuum mit allen anderen Individuen der Population verwandt ist. Je kleiner dieser Wert ist, desto weniger sind die Gene des betreffenden Individuums in der Population vorhanden. Bei einem Wildfang geht man davon aus, dass er mit der Population nicht verwandt ist und deshalb mit hoher Priorität dessen Gene Eingang in die Population finden müssen, sprich, das Tier sich fortpflanzen soll. Der Grund für den Zuchtstopp beim Zürcher Paar war der Umstand, dass sich die Familie des Katers Nikki sehr erfolgreich fortgepflanzt hatte und sein MK deshalb stark angestiegen war. Der Koordinator versucht, Paare mit möglichst kleinem MK zusammen zu stellen und nur mit diesen zu züchten, um die benötigte Anzahl Jungtiere zu erhalten. 1997 importierten wir als neuen Partner für Kora das Männchen Nurejev aus Helsinki. 1999 wurden aus dieser Paarung drei Junge geboren. Dann wiederholte sich die Geschichte mit Nurejev: Sein MK-Wert erhöhte sich und erneut sollten wir mit unseren Tieren nicht mehr züchten. Im Wissen darum, dass Kora nur wenig Nachwuchs hatte und sich altersbedingt dem Ende ihrer Fortpflanzungsfähigkeit näherte (und wir kurzfristig nicht nochmals einen ‘Katerwechsel’ vornehmen wollten), liessen wir weitere Paarungen zwischen Kora und Nurejev zu. 2002 brachte Kora nochmals zwei Jungtiere zur Welt, das eine wurde tot geboren, um das andere kümmerte sie sich nicht. Diese Jungtier, das Männchen Coto, zog der Tierarzt von Hand auf. Schon früh wurde Coto mit seinem Vater Nurejev vertraut gemacht und von diesem zu einem richtigen Tiger ‘erzogen’.

Vorgesehen als Partnerin von Coto kam 2007 das junge Weibchen Berry aus Pilsen nach Zürich. Bei der Eingewöhnung dieses Tieres zeigte sich insbesondere Nurejev sehr freundlich und interessiert. Einmal zusammen gelassen, griff Nurejev jedoch Berry sogleich an und verletzte sie schwer. Wenige Tage später erlag Berry einer Lungenentzündung, die sie sich durch das Inhalieren von Wasser im Teich, in den sie sich geflüchtet hatte, zugezogen hatte. Die weitere Suche nach einem bezüglich MK zu Coto passenden Weibchen gestaltete sich schwierig. Fündig wurden wir schliesslich in München: Von dort erhielten wir das Weibchen Elena, während Nurejev als Gesellschafter von Elenas Mutter nach München wechselte.

Elena brachte 2011 Vierlinge zur Welt. Ein Jungtier, wohl tot geboren, verschwand, die anderen drei zog Elena erfolgreich auf. Auch auf diese Geburt folgte ein vom Zuchtprogramm ausgesprochener Zuchtstopp. Zur Verhinderung weiteren Nachwuchses erhielt Elena in den folgenden Jahren mehrmals ein Hormonimplantat eingesetzt. Die Mean Kinship Verhältnisse haben sich nun im Zuchtprogramm derart verändert, dass unser Tiger-Paar dieses Jahr wieder eine Zuchtempfehlung erhielt. Die Tierärzte haben daraufhin im Frühjahr das Hormonimplantat bei Elena wieder entfernt. Bei Grosskatzen führt die mehrmalige Anwendung von Hormonimplantaten oft zur dauernden Sterilität. Und so bleibt es ungewiss, ob Elena mit einem weiteren Wurf Jungtiere aufwarten wird.

Quelle: PM Zoo Zürich